Weihnachten und die Tradition

Wieder einmal neigt sich ein Jahr dem Ende zu und ehe man sich versieht, sind auch die alljährlichen Weihnachtsfeiertage schon fast wieder passé. Weihnachten. Das Fest der „Liebe“ und der „Freude“, der „Besinnlichkeit“, des „Friedens“ oder auch der „Lichter“, wie es allenthalben heißt. Mehr noch ist Weihnachten aber doch wohl eines: das Fest der traditionellen Legitimation eines vollkommen unbekümmerten Essens von Tieren. Und wehe dem, der zu laut dagegen opponiert.

Liebend, besinnlich oder friedlich töten?

Würstchen aus Schweine- und Rindfleisch zum Kartoffelsalat, Karpfen, Gans, Ente – allein schon das Essen dieser „Klassiker“ steht in einer äußerst bemerkenswerten Diskrepanz zu dem, was mit Begriffen wie „Liebe“, „Besinnlichkeit“ oder „Frieden“ für das Weihnachtsfest für gewöhnlich beansprucht wird – ganz gleich, ob das Fest religiös oder säkular ausgelebt wird. Tiere essen an Weihnachten: das ist doch „Tradition“, das lässt man sich „nicht nehmen“, das „gehört einfach dazu“. Und welch Seelenglück: Wenn etwas einfach dazugehört, dann kann alles, was dagegen vorgebracht wird, ebenso einfach unerhört bleiben.

Qualbringende Züchtungen, lebensunwürdige Haltungen und Transporte von Tieren? Nein, für das selbst verspeiste Fleisch gilt das selbstverständlich nicht. Was soll der Vorwurf?! Und selbst wenn: An diesen Tagen gelten doch wohl andere Werte. Ach, am Ende ist das doch auch völlig egal. Kann denn der Tierfreund nicht einmal zum Feste friedlich bleiben?!

Apropos bleiben: Geradezu weihnachtsverwunderlich bleibt für mich, dass die Anzahl der Tierhalter und Metzger „des Vertrauens“ zum Jahresende mehr als sprunghaft anzusteigen scheint. Ebenso die Käufe „guten Fleisches“ von „glücklichen Tieren“. Bei all dieser Selbsttäuschung bleibt letztlich wie allzu oft der Tod verdrängt. Ist es wirklich eine überzogene persönliche Empfindlichkeit, wenn man darauf hinweist, dass das Töten all der Lebewesen, die vor dem Hintergrund der dominierenden Tierproduktionsbedingungen schon gar nicht erst hätten ins Leben gesetzt werden dürfen, auch an Weihnachten sicherlich keinen besinnlichen Akt der Liebe oder des Friedens darstellt?

Mehr „traditionales“ als „wertrationales“ Handeln

Was treibt Menschen gerade an Weihnachten so vehement und dem Kerngedanken des Festes entgegenlaufend dazu an, trotz aller weithin bekannten Informationen rund um die Tierproduktion Tiere verspeisen zu wollen? Eine Antwort mag sich aus der Realität des „sozialen Handelns“ ergeben. Diesem Handeln schrieb der Soziologe Max Weber um 1900 mindestens vier Handlungstypen (zweckrational, wertrational, affektuell, traditional) zu. Besonders beachtenswert erscheinen mir dabei die Erläuterungen des traditionalen und des wertrationalen Handelns:

Traditional bedeutet für Weber „durch eingelebte Gewohnheit“. Ein kaum sinnhaftes Verhalten, das „sehr oft nur ein dumpfes, in der Richtung der einmal eingelebten Einstellung ablaufendes Reagieren auf gewohnte Reize“ sei. Eine „wertrationale Orientierung des Handelns“ geschehe hingegen aus z. B. ethischen, ästhetischen oder religiösen Gründen bewusst und auf einen „letzten Richtpunkt des Handelns“ bezogen. Anders als das traditionale Verhalten ist das wertrationale Handeln für Weber auch schon per se – und ganz unabhängig vom Erfolg des Handelns – ein sinnhaftes Handeln.

Die Beachtung dieser beiden Handlungstypen allein wird freilich nicht ausreichen, um insbesondere weihnachtliches Handeln gänzlich zu erklären. Zudem betont Weber selbst, dass gerade soziales Handeln sehr selten ein Handeln ist, das „nur in der einen oder der andren Art orientiert“ ist. Und dennoch scheint mir die Behauptung nicht allzu kühn zu sein, dass gerade das Essen von Tieren an Weihachten weit eher bisherigen traditionalen Handlungsmustern folgt als wertrationalen – d. h. bewusst an Werten orientierten Handlungen. Dieser Behauptung mag widersprochen werden:

Sehr wohl handele man, so kann man entgegnen, auch beim Essen von Tieren wertorientiert – z. B. pflege man beim gemeinsamen, traditionellen Essen der Weihnachtsgans den Wert der Familie und durch diesen zentralen festlichen Akt einen kulturellen Wert des weihnachtlichen Festes an sich. Auch weitere Einwände wären denkbar und nicht vollends von der Hand zu weisen. Dabei ist allerdings zweierlei zu bedenken.

Tradition: ja, aber auch hinsichtlich der Tiere wertorientiert

Auch das Ausleben etwa des Familienwerts folgt in den allermeisten Fällen vermutlich eher unbewusst traditionalen Mustern. Es sind längst gesetzte Werte, die nicht jedes Mal neu reflektiert und infrage gestellt werden, auch wenn es inzwischen vielleicht gute Gründe dafür gäbe. Der aktuelle Unterschied zwischen solchen Werten und dem in den letzten Jahren immer stärker eingeforderten Wert der Empathie auch Tieren gegenüber besteht insofern allein darin, dass mit letzterem bereits bisherige traditionale Muster infrage gestellt und aufgebrochen werden, was mit allen weiteren Werten unter bestimmten Umständen zu irgendeinem Zeitpunkt genauso gut geschehen könnte.

Noch viel wichtiger ist jedoch: Gänzlich alle Werte könnten definitiv auch dann weiter gepflegt werden, wenn keine Tiere gegessen würden. Die Zusammenkunft der Familie etwa, das gemeinsame Singen, Trinken, Kochen und Essen, all diese und andere zusammenhalt- und sinnstiftenden Elemente an Weihnachten ließen sich definitiv auch unabhängig davon aufrechterhalten, was auf den Teller kommt – vorausgesetzt, die soziale Gemeinschaft (im Kleinen wie im Großen) bleibt offen genug, „dumpfes“ traditionales Verhalten hin und wieder zumindest prinzipiell zugunsten eines neuen bewussten wertrationalen Handelns infrage zu stellen und damit neuen zeitgemäßeren Traditionen den Weg zu ebnen.

Das gänzliche Verschonen von Tieren würde in meinen Augen jedenfalls weder irgendwelche weiteren Werte gravierend beschneiden, noch unverkraftbare kulturelle Verluste entstehen lassen. Ganz im Gegenteil: Individuen oder Gesellschaften, die sich in der Theorie bereits weitestgehend als besonders tierfreundlich verstehen, würden über eine konsequente tierfreundliche Praxis gerade auch an Tagen wie Weihnachten an sinnhaftem Handeln und an Werten hinzugewinnen. Das bald beginnende neue Jahr wäre vielleicht ein prima Startzeitunkt, um sich für einen solchen Gewinn zu öffnen.

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